PlenarKlar
Bundestagsdebatten
verständlich zusammengefasst
23.09.2026 · 21. WP · 95. Sitzung
23.09.2026 · 21. WP · 95. Sitzung

Steuerreform-Debatte: Fraktionen im Streit um Entlastung

TOP 4 Steuerrecht

Die Bundestagsdebatte um den Tagesordnungspunkt "TOP 4 Steuerrecht" drehte sich um einen Gesetzentwurf zur Einkommensteuerreform, der höhere Grund- und Kinderfreibeträge vorsieht. Während SPD und Grüne Entlastungen für einkommensschwache Haushalte befürworteten und gleichzeitig Bedenken hinsichtlich des automatischen Anpassungsmechanismus und der Finanzierung äußerten, setzte sich die CDU/CSU für Wirtschaftswachstum und Sozialstaat durch und forderte Reformen im Sozialversicherungssystem. Die AfD kritisierte insbesondere die "kalte Progression" und forderte den Einsatz des "Tarifs auf Rädern", während die Linke den Gesetzentwurf als Manipulation und die Notwendigkeit einer Umverteilung von oben nach unten betonte.

7Zusammengefasste Redebeiträge
5Fraktionen
01

Worüber gestritten wurde

✓ Einigkeit

  • Die Unterstützung höherer Grund- und Kinderfreibeträge wird von CDU/CSU und der SPD grundsätzlich befürwortet.
  • Alle Fraktionen erkennen die Notwendigkeit einer Analyse der Auswirkungen der Steuerreform auf Nettoeinkommen.

✕ Streitpunkte

  • Die Debatte dreht sich um die Finanzierung und den Mechanismus zur Anpassung der Steuerlast an die Preisentwicklung (SPD vs. CDU/CSU & AfD).
  • Die Positionen zur Bekämpfung der „kalten Progression“ und den dafür vorgeschlagenen Lösungen (AfD vs. SPD, Grüne, Linke).
  • Die Frage der Umverteilung von Vermögen und die Notwendigkeit einer umfassenden Reform des Steuersystems (Linke vs. CDU/CSU & SPD).
  • Die Bewertung des Gesetzentwurfs als Manipulationsinstrument bzw. als notwendige Entlastung (Linke vs. CDU/CSU & SPD).
02

Positionen der Fraktionen

03

Die Reden im Einzelnen

7 Beiträge
Kay Gottschalk AfD
Kay Gottschalk kritisiert die Bundesregierung scharf und insbesondere die SPD für die sogenannte „kalte Progression“, die er als eine Art Steuererhöhung durch Inflation und Reallohnsteigerungen sieht, die vor allem die Mittelschicht belastet. Er argumentiert, dass das Stabilitätsgesetz von 1967 und die Geldpolitik der Bundesbank, die sich nicht aktiv gegen diese Entwicklung gewehrt hätten, für das aktuelle wirtschaftliche Dilemma verantwortlich seien. Gottschalk fordert den sofortigen Einsatz des „Tarifs auf Rädern“, eine Steuermodell, das die Inflation und das Wachstum der Realeinkommen koppelt und somit die kalte Progression abbauen soll. Er beklagt, dass die Regierung diese Maßnahme verschiebt und stattdessen Beitragsbemessungsgrenzen erhöht und die Sozialversicherungsbeiträge weiter anhebt. Er sieht darin eine Unverschämtheit gegenüber den Beitragszahlern und kritisiert die fehlende transparente politische Entscheidung für die Steuererhöhungen. Gottschalk fordert die CDU auf, den Tarif auf Rädern umzusetzen, um Planungssicherheit für Bürger und Unternehmen zu schaffen und Wettbewerbsnachteile zu vermeiden.
Dr. Matthias Hiller CDU/CSU
Die CDU/CSU argumentiert für eine Politik, die das Wirtschaftswachstum fördert und die Leistungsfähigkeit des Sozialstaates stärkt. Als zentrale Maßnahmen werden Investitionsförderung, Forschungsförderung, die Standortförderung sowie eine Reform der Sozialversicherungssysteme genannt. Insbesondere wird die Entlastung der „arbeitenden Mitte“ durch die Anpassung von Sozialversicherungsbeiträgen und die Bekämpfung der kalten Progression betont. Die AfD fordert eine automatische Anpassung von Freibeträgen und Höchstbeträgen im Sozialversicherungssystem und plädiert für eine Reform der Einkommensteuer. Die CDU/CSU sieht darin jedoch verfahrensrechtliche Änderungen und weist auf rechtliche Bedenken hin, insbesondere im Hinblick auf die Anpassung der Ehrenamtspauschale. Die Partei verweist auf positive Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute, die eine Steigerung der wirtschaftlichen Leistung erwarten.
Sascha Müller Grüne
Sascha Müller (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) argumentiert gegen den Fokus der AfD auf geringfügige Anpassungen des Einkommensteuertarifs, da er die Lebensrealität vieler Menschen, insbesondere von Menschen mit geringen Einkommen, nicht ausreichend berücksichtigt. Er kritisiert die "kalte Progression" und fordert gezielte Entlastungen, insbesondere durch Senkung der Sozialversicherungsbeiträge für Geringverdiener wie Verkäuferinnen und Friseure. Um Entlastung zu erreichen, schlägt er Maßnahmen vor, die Gerechtigkeitslücken im Steuersystem schließen, beispielsweise bei großen Immobiliengeschäften, und betont, dass Entlastungspolitik anhand des verbleibenden Geldes am Ende des Monats beurteilt werden muss. Müller fordert eine umfassende Betrachtung der Einkommensverhältnisse, einschließlich Gehaltszettel, und plädiert für eine konstruktive Debatte, die sich nicht in steuerdogmatischen Auseinandersetzungen verliert. Er kritisiert die Uneinigkeit innerhalb der Koalitionsfraktionen bezüglich des Ausgleichs der kalten Progression und ruft zu Handlungsfähigkeit und Kompromissbereitschaft auf.
Parsa Marvi SPD
Parsa Marvi (SPD) begrüßt den Koalitionsbeschluss, den Grundfreibetrag, den Kinderfreibetrag, das Kindergeld und den Arbeitnehmerpauschbetrag zu erhöhen, da dieser sich auf die Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen konzentriert und hohe Einkommen stärker in die Verantwortung nimmt. Sie kritisiert den Vorschlag, alle steuerlichen Freigrenzen und Beträge an die Preisentwicklung zu indexieren, da dies unterschiedliche Funktionen dieser Regelungen ignoriert. Marvi betont die Notwendigkeit, die finanziellen Auswirkungen, die Finanzierung und die Zielgruppen dieser Maßnahmen sowie deren Umfang zu analysieren. Sie sieht im automatischen Anpassungsmechanismus eine Gefahr, die Flexibilität des Gesetzgebers zu beschneiden und befürchtet fehlende Konkretisierungen hinsichtlich der Gegenfinanzierung. Abschließend erklärt sie, dass der SPD-Fraktion der Gesetzentwurf abgelehnt wird, da er keine konkreten Antworten auf die genannten Fragen liefert.
Doris Achelwilm Linke
Doris Achelwilm (DIE LINKE) kritisiert den Gesetzentwurf der Regierung, insbesondere den Vorschlag des Tarif auf Rädern, als eine Manipulation, die berechtigte Sorgen vor Ungerechtigkeiten ausnutzt. Sie argumentiert, dass der Gesetzentwurf die Gutverdienenden begünstigt und keine wirkliche Entlastung für kleinere und mittlere Einkommen bringt, da er Gestaltungsspielräume reduziert und den Haushalt verteuert. Die LINKEN fordert stattdessen eine Umverteilung von oben nach unten, insbesondere durch einen höheren Grundfreibetrag, substanziellere Reichensteuern, die Reaktivierung der Vermögensteuer und eine Gewinnsteuer auf Konzerngewinne. Sie sieht in der AfD eine Partei, die Ängste schürt und die Lage verschärft.
Dr. Florian Dorn CDU/CSU
Dr. Florian Dorn (CDU/CSU) argumentiert, dass die „kalte Progression“ – die Reduzierung der Kaufkraft durch Inflation und höhere Steuern bei Lohnerhöhungen – ein zentrales Problem darstellt, das seit Jahren im Bundestag diskutiert wird. Er betont, dass die Diskussion über die Ausgleich nicht nur eine rein steuerpolitische Frage, sondern auch eine wirtschaftspolitische ist, da Lohnerhöhungen bei einer hohen Inflation zu geringeren realen Einkommen führen können. Als erste Maßnahme wird der Regierungsentwurf zur Einkommensteuerreform begrüßt, der höhere Grund- und Kinderfreibeträge vorsieht und Anpassungen beim Arbeitnehmerpauschbetrag sowie Tarifeckwerten beinhaltet, um die Kaufkraft zu erhalten. Entscheidend ist jedoch, ob von den steuerlichen Mehreinnahmen tatsächlich Nettoentlastungen für die Bürger erbracht werden, was durch den Existenzminimum- und Steuerprogressionsbericht evaluiert werden soll. Zudem wird die Notwendigkeit einer umfassenden Betrachtung der gesamten Steuer- und Abgabenentwicklung betont, um die Auswirkungen auf die Nettoeinkommen entlang der Einkommensverteilung zu analysieren und Arbeitsanreize zu fördern.
Frauke Heiligenstadt SPD
Der Gesetzentwurf der AfD zielt darauf ab, das Thema der Steuerminimierung zu thematisieren. Die Opposition kritisiert, dass die AfD dieses Thema zur Umsetzung ihrer Vorstellungen von Gerechtigkeit nutzt. Es wird argumentiert, dass die AfD eine verzerrte Vorstellung von Gerechtigkeit vertritt. Die Kritik bezieht sich auf die Art und Weise, wie die AfD das Thema Steuerminimierung präsentiert und einsetzt. Die Regierungsposition impliziert eine Ablehnung der AfD-Positionen und deren Darstellung von Gerechtigkeit.